Die Digitalisierung der Financial Supply Chain: Auswirkungen auf die Unternehmensfinanzierung und das Umlaufvermögen

Digitalization guide Jos Feyaerts partner of InCoPro BVBA : Design for Margin (D4M)

“Digital isn’t special anymore, digital is normal”
Peter Hinssen

2007 kam das erste iPhone auf den Markt. Schon heute ist es nicht mehr wegzudenken, mehr noch, es erscheint uns, als sei es schon immer da gewesen. Die Digitalisierung ist also voll angekommen in der Mitte unserer Gesellschaft. Und natürlich müssen sich auch Unternehmen diesem Thema  stellen. Auf der einen Seite gibt es neue digitale Geschäftsmodelle, die bisweilen ihren Markt revolutionieren und überwiegend ohne materielles Anlagevermögen auskommen. Beispiele dafür sind Uber (ein Taxiunternehmen ohne eigene Fahrzeuge) oder Amazon (ein Buchhändler ohne einen Laden). Zum anderen ergeben sich aus der Digitalisierung neue Möglichkeiten für traditionelle Geschäftsmodelle. Car Sharing, zum Beispiel, macht aus Autoherstellern Mobilitätsdienstleister. 
 

Paradigmenwechsel bei der Zahlung von Lieferanten 

Doch nicht nur gesamte Geschäftsmodelle, sondern auch einzelne Prozesse und Prozessketten verändern sich durch die Digitalisierung. Werfen wir doch mal einen Blick auf die Finanzprozesse in einem Unternehmen, genauer auf die Financial Supply Chain, die Finanzströme entlang der physischen Lieferkette. Kunden wie Lieferanten haben großes Interesse daran, diese derart zu gestalten, dass ihr Umlaufvermögen optimiert wird, um ihrem Unternehmen größtmöglichen Handlungsspielraum zu geben. Leider entsteht genau hier ein Konflikt. Während Kunden das Kapital möglichst lange im Unternehmen halten wollen und deshalb ihre Zahlungsziele ausreizen und nicht selten überschreiten, sind Lieferanten auf eine möglichst frühe Bezahlung angewiesen, um weiter handlungsfähig zu bleiben. In der Praxis haben Lieferanten bisher meist den Kürzeren gezogen und sind öfter in ihrem Wachstum beschränkt worden während sie die Aktivitäten der (Groß-)Kunden mitfinanziert haben. Doch neuerdings lässt sich ein Paradigmenwechsel bei der Bezahlung von Lieferanten von einer Zahlungsverzugskultur hin zu frühzeitigen Zahlungen erkennen. Wie kommt das? 
Der Gordische Knoten des Working Capital
 

Supply Chain Finance im Zeitalter der Digitalisierung 

Durch die Digitalisierung befindet sich der Finanzbereich im Wandel. Software-Anwendungen für den Einkauf und die Rechnungsverarbeitung machen einen elektronischen und teilautomatisierten Purchase-to-Pay-Prozess möglich. Laufzeiten von Rechnungen – vom Eingang über die Genehmigung bis zur Zahlung – werden drastisch verkürzt. Zahlungsziele und mögliche Skonti können einfach im Blick behalten und der Bearbeitungsstand der Rechnungen jederzeit eingesehen werden. Damit ist es deutlich einfacher geworden, Rechnungen frühzeitig oder zumindest ohne Verzug zu begleichen. Doch das ist noch nicht alles.

Supply Chain Finance beschreibt eine Reihe von Methoden zur Unterstützung der Handelsströme und Finanzprozesse entlang der Lieferkette. Die bekannteste Methode ist wohl das Reverse Factoring, bei dem die Rechnung vom Kunden an einen Dritten verkauft wird und dieser den Lieferanten unverzüglich bezahlt – abzüglich eines Diskonts, der jedoch nicht auf der Kreditwürdigkeit (Kreditkonditionen)  des Lieferanten basiert, sondern auf der des Kunden. Der Dritt-Finanzierer bekommt dann am Ende der Zahlungslaufzeit vom Kunden den gesamten Rechnungsbetrag. Da Lieferanten häufig schlechtere Kreditkonditionen haben, erfolgt die Finanzierung der Lieferkette dadurch bei demjenigen, der den besten Zugang zu Geldmitteln hat. Letztendlich soll mit Supply Chain Finance das Umlaufvermögen aller Beteiligten optimiert werden. Von einem handlungsfähigen Lieferanten profitiert nämlich auch der Kunde, zugleich kann jedoch dessen Bedürfnis nach längeren Zahlungszielen Rechnung getragen werden. Supply Chain Finance ist nicht neu, wird aber durch die Digitalisierung neu befördert.  Financial Technologies ermöglichen die Anwendung von Dynamic Discounting oder den Einsatz digitaler Marktplätze, wo vom Kunden genehmigte Rechnungen an den Höchstbietenden vermarktet werden, häufig auch an ein anderes KMU, das gerade einen zeitweiligen Cash-Überschuss anlegen will. 
 

Optimierung des Umlaufvermögens entlang der Lieferkette durch Dynamic Discounting 

Schauen wir uns einmal das Beispiel Dynamic Discounting näher an. Bisher wurde bei der Verhandlung von Skonti ein fester Prozentsatz vereinbart, der greift, wenn die Rechnung innerhalb eines bestimmten, eher kurzen Zeitraums beglichen wird, also zum Beispiel 2 % Rabatt auf die Rechnungssumme bei einer Zahlung innerhalb von 10 Tagen. Überschreitet der Kunde diesen Zeitraum, wird die volle Rechnungssumme fällig. Diese Vereinbarung wird in der Regel einmal zwischen Kunde und Lieferant ausgehandelt und in einem Rahmenvertrag festgehalten. Lange Laufzeiten von Rechnungen im Unternehmen führen oftmals dazu, dass Skontofristen verpasst werden. Danach besteht für den Kunden kein Anreiz mehr, die Rechnung vor Ablauf des Zahlungsziels zu begleichen. Durch die Einführung von elektronischen Rechnungen verkürzen sich die Laufzeiten der Rechnungen, Skonti können besser ausgeschöpft werden und viele Rechnungen werden somit früher gezahlt. 
Optimierung des Umlaufvermögens durch Dynamic Discounting

Mit dem Austausch von Rechnungen über E-Invoicing-Plattformen ergeben sich aber noch weitere Möglichkeiten. Dynamic Discounting bietet durch Staffelung die Möglichkeit, Skonti während des gesamten Zahlungszeitraums zu erhalten. Auf Rechnungen, die schnell genehmigt werden können, erhält man den maximalen Skonto, und einen niedrigeren für Rechnungen, die etwas mehr Zeit bis zur Genehmigung benötigen. Verhandlungen über die Staffelung können direkt auf der Plattform geführt werden. Lieferanten erhalten Zahlungen somit schneller und gewinnen über die Plattform mehr Prozesstransparenz. Die einkaufenden Unternehmen erzielen über die Preisnachlässe höhere Gewinnmargen und haben während des gesamten Zahlungszeitraums einen Anreiz für frühzeitige Zahlungen.

Natürlich bietet die Digitalisierung Unternehmen viele weitere Chancen. Die großen Datenmengen, die entlang einer digitalen Lieferkette anfallen, bleiben oftmals noch ungenutzt. Dabei kann man anhand dieser unter anderem Zahlungsgewohnheiten von Geschäftskunden und Konsumenten sowie die Ausgaben des eigenen Unternehmens analysieren, um die Finanzflüsse weiter zu optimieren. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Wer bei der Basware Connect 2015 nicht dabei sein konnte, der kann sich hier die Präsentation des gesamten Vortrages anschauen